Schönheitswahn und Schönheitsindustrie
Schönheitswahn und Schönheitsindustrie
Warum glaubt die Hälfte aller Frauen in westlichen Industrienationen zu dick zu sein, wenn nur ein Bruchteil von ihnen wirklich Übergewicht hat? Wie kommen Frauen dazu, sich nach dem Essen zu erbrechen, sich Fett absaugen zu lassen und regelmäßig Abführmittel und Appetitzügler zu schlucken? Ist der ganze Schönheitskult von den Frauen gewollt oder nur ein Mythos (eine Massenvision)? Die Entstehung des Schönheitswahns Schönheitsideale hat es schon immer gegeben. Sie waren jedoch von Epoche zu Epoche unterschiedlich. Im antiken Ägypten galten schlanke, knabenhafte Frauen als attraktiv, in Europa fand man in der Zeit des Barock dicke Menschen besonders gutaussehend. Im alten China wurden den Mädchen der Oberschicht die Füße zusammengeschnürt, so dass sie verkrüppelten. Dadurch waren Frauen ihr Leben lang nicht in der Lage, sich unabhängig zu bewegen, geschweige denn zu arbeiten. Durch diese „Mode“ konnten Männer, die mit einer solchen Frau verheiratet waren, nach außen zeigen, dass sie reich genug waren, sich eine zur Arbeit untaugliche Frau zu leisten. Bis zur Industrialisierung waren die Schönheitsideale von Ober- und Unterschicht verschieden, da Mode vor allem dazu diente, Reichtum zur Schau zu stellen, was sich die Unterklasse nicht leisten konnte. Bis vor ungefähr 200 Jahren waren die Frauen der Unterschicht in Europa meistens in die Großfamilie als Arbeitseinheit eingebunden. Die Rollenbilder von Frauen und Männern waren durch die gesellschaftliche Stellung und religiöse Reglementierungen festgelegt. Adel und Kirche hatten kein Interesse daran, dass sich Mitglieder der unteren Stände als Individuen wahrnehmen konnten. Deshalb wurde die Beschäftigung mit sich selbst und dem eigenen Körper zumindest bei Frauen der unteren Stände nicht gefördert. Eitelkeit galt als Sünde. Die unterschiedlichen Schönheitsideale stehen also im Zusammenhang mit der jeweiligen gesellschaftlichen Situation und Produktionsweise. Im Kapitalismus wurden erstmals die technischen Voraussetzungen geschaffen, Schönheitsbilder und Schönheitsprodukte massenweise herzustellen und zu verbreiten. Damit entstand ein großer Markt für Unternehmen, die sich allein darauf spezialisierten. Frauen stellen im Kapitalismus eine besonders gute Zielgruppe für Schönheits- und Modeprodukte dar, weil sie nicht nur ihre Arbeitskraft an Unternehmen, sondern auch sich selbst – und ihre Fähigkeit Reproduktionsarbeit zu leistenauf dem Heiratsmarkt anbieten müssen. Das weibliche Schönheitsideal soll signalisieren, dass die Frau eine besonders gute Ehefrau ist. Lange Zeit war deshalb ein Weiblich- und Häuslichkeitskult modern. Mit Zunahme der weiblichen Erwerbsarbeit und fortschreitender Emanzipation der Frauen in der letzte Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts kam es zu einer Entzauberung der Mutterrolle.
Heute ist es weniger wichtig, besonders häuslich zu wirken, gut kochen zu können und Kinder zu gebären. Es kommt vielmehr darauf an, durch das äußere Erscheinungsbild Disziplin, Jugend und Erfolg darzustellen. Die Schönheits- und Modeindustrie versucht immer neue Maßstäbe zu setzen. Diese sind zum Großteil gar nicht erfüllbar. So werden sogar Werbeplakate mit Topmodels wie Claudia Schiffer aus Fotos verschiedener Frauen zusammen geschnitten, um noch perfekter zu erscheinen. Immer mehr Frauen leiden darunter, trotz Diäten, Kosmetika und Schönheitsoperationen diesen Idealen nicht gerecht werden können. Aus diesem Grund ist es richtig, von einem Schönheitsmythos zu sprechen, den die Frauen sich nicht selbst ausgedacht und verordnet haben. Auswirkung des Mythos auf die Frauen Durch die Sisyphusarbeit der Frauen an ihrem Körper, der sie sich täglich aufs Neue unterziehen, werden sie so hinreichend beschäftigt, dass wenig Zeit bleibt, sich politisch oder anderweitig zu organisieren bzw. eigene Ansprüche an die Gesellschaft zu formulieren. Entziehen kann sich dem Wahn fast keine Frau. Egal ob im Fernsehen, in Filmen, in Frauenzeitschriften oder auf Plakatwänden: Überall lächeln uns Frauen entgegen, die im Durchschnitt 23 Prozent weniger wiegen im Vergleich zu der restlichen weiblichen Bevölkerung. Vor 25 Jahren wogen sie „nur“ 8 Prozent weniger..1 Wen wundert es da schon noch, dass die meisten Frauen in Umfragen als Hauptwunsch angeben, 5 bis 8 Kilo abzunehmen, anstatt sich z.B. einen ausfüllenden Beruf zu erträumen In den USA sind schon 20 Prozent der Studentinnen an Magersucht erkrankt, in England leiden 50 Prozent aller Frauen an Essstörungen, in Deutschland glaubt über die Hälfte der jungen Frauen zu dick zu sein.2 Die Stiftung Warentest gab 1999 an, dass 2 Prozent aller Jugendlichen an Magersucht leiden. Magersucht ist eine Krankheit, die bei Frauen in Industrienationen zunimmt. Sie macht bei keinem Körpergewicht halt; ist das Idealgewicht erreicht, hungern die Frauen zwanghaft weiter, aus Angst, wieder zuzunehmen.. Wer hat ein Interesse am Schönheitsmythos? Auf der einen Seite sind die Folgen des Schlank- und Schönheitswahns Schuldgefühle, Angst vor sexuellem Kontakt, Depressionen, Krankheiten und Tod, auf der anderen Seite kann die Schönheitschirurgie, die Diätmittel- und Kosmetikindustrie Milliarden von DM aufgrund weiblicher Ängste und Komplexe profitieren. So sind heute 300 verschiedene Diätmittel auf dem Markt4. Das Diätprodukt Slimfast kostete beim Verkaufsstart z.B. 69 DM, in der Herstellung jedoch schlappe 4 DM5. Die Schönheitsindustrie versucht zwar immer mehr, auch an Männern mit Schönheitsprodukten ihr Geld zu verdienen. Dies ist jedoch nicht zu vergleichen mit der Auswirkung des Schönheitskults auf die Frauen. Auf einen magersüchtigen Mann kommen 12 magersüchtige Frauen. Nur ein Prozent der Bulimiekranken sind männlich6. Die Anzahl der Artikel über Gewichtsprobleme und Anzeigen für Diätprodukte ist in Frauenzeitschriften zehnmal so hoch wie in Männerzeitschriften7. Männer sollen zwar auch ihr Geld in diese Industrie pumpen. Es entspricht jedoch weniger ihrer Rolle in der Gesellschaft, ihr Selbstbild so stark von Schönheitsidealen beeinflussen zu lassen. Schönheit ist weder eine universelle, noch eine unveränderliche Größe. Der Schönheitsmythos hat nichts mit Weiblichkeit zu tun, sondern ist Ausdruck des patriarchalischem Verhältnisses in einer Klassengesellschaft wie dem Kapitalismus gepaart mit knallharten ökonomischen Interessen der Schönheitsindustrie. Durch groß angelegte Werbekampagnen werden Bedürfnisse erst geschaffen. Wer würde beispielsweise sonst auf die Idee kommen, dass das Gesicht Dutzende von Cremes gleichzeitig benötigt, oder dass es besonders toll ist, sich durch Liposuktion (Fettabsaugung) einen Großteil des Gewebes und der Nerven kaputt machen zu lassen. Wir sind dagegen, dass Frauen sich in jeder Beziehung dünn machen.
http://www.sozialismus.info
Warum glaubt die Hälfte aller Frauen in westlichen Industrienationen zu dick zu sein, wenn nur ein Bruchteil von ihnen wirklich Übergewicht hat? Wie kommen Frauen dazu, sich nach dem Essen zu erbrechen, sich Fett absaugen zu lassen und regelmäßig Abführmittel und Appetitzügler zu schlucken? Ist der ganze Schönheitskult von den Frauen gewollt oder nur ein Mythos (eine Massenvision)? Die Entstehung des Schönheitswahns Schönheitsideale hat es schon immer gegeben. Sie waren jedoch von Epoche zu Epoche unterschiedlich. Im antiken Ägypten galten schlanke, knabenhafte Frauen als attraktiv, in Europa fand man in der Zeit des Barock dicke Menschen besonders gutaussehend. Im alten China wurden den Mädchen der Oberschicht die Füße zusammengeschnürt, so dass sie verkrüppelten. Dadurch waren Frauen ihr Leben lang nicht in der Lage, sich unabhängig zu bewegen, geschweige denn zu arbeiten. Durch diese „Mode“ konnten Männer, die mit einer solchen Frau verheiratet waren, nach außen zeigen, dass sie reich genug waren, sich eine zur Arbeit untaugliche Frau zu leisten. Bis zur Industrialisierung waren die Schönheitsideale von Ober- und Unterschicht verschieden, da Mode vor allem dazu diente, Reichtum zur Schau zu stellen, was sich die Unterklasse nicht leisten konnte. Bis vor ungefähr 200 Jahren waren die Frauen der Unterschicht in Europa meistens in die Großfamilie als Arbeitseinheit eingebunden. Die Rollenbilder von Frauen und Männern waren durch die gesellschaftliche Stellung und religiöse Reglementierungen festgelegt. Adel und Kirche hatten kein Interesse daran, dass sich Mitglieder der unteren Stände als Individuen wahrnehmen konnten. Deshalb wurde die Beschäftigung mit sich selbst und dem eigenen Körper zumindest bei Frauen der unteren Stände nicht gefördert. Eitelkeit galt als Sünde. Die unterschiedlichen Schönheitsideale stehen also im Zusammenhang mit der jeweiligen gesellschaftlichen Situation und Produktionsweise. Im Kapitalismus wurden erstmals die technischen Voraussetzungen geschaffen, Schönheitsbilder und Schönheitsprodukte massenweise herzustellen und zu verbreiten. Damit entstand ein großer Markt für Unternehmen, die sich allein darauf spezialisierten. Frauen stellen im Kapitalismus eine besonders gute Zielgruppe für Schönheits- und Modeprodukte dar, weil sie nicht nur ihre Arbeitskraft an Unternehmen, sondern auch sich selbst – und ihre Fähigkeit Reproduktionsarbeit zu leistenauf dem Heiratsmarkt anbieten müssen. Das weibliche Schönheitsideal soll signalisieren, dass die Frau eine besonders gute Ehefrau ist. Lange Zeit war deshalb ein Weiblich- und Häuslichkeitskult modern. Mit Zunahme der weiblichen Erwerbsarbeit und fortschreitender Emanzipation der Frauen in der letzte Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts kam es zu einer Entzauberung der Mutterrolle.
Heute ist es weniger wichtig, besonders häuslich zu wirken, gut kochen zu können und Kinder zu gebären. Es kommt vielmehr darauf an, durch das äußere Erscheinungsbild Disziplin, Jugend und Erfolg darzustellen. Die Schönheits- und Modeindustrie versucht immer neue Maßstäbe zu setzen. Diese sind zum Großteil gar nicht erfüllbar. So werden sogar Werbeplakate mit Topmodels wie Claudia Schiffer aus Fotos verschiedener Frauen zusammen geschnitten, um noch perfekter zu erscheinen. Immer mehr Frauen leiden darunter, trotz Diäten, Kosmetika und Schönheitsoperationen diesen Idealen nicht gerecht werden können. Aus diesem Grund ist es richtig, von einem Schönheitsmythos zu sprechen, den die Frauen sich nicht selbst ausgedacht und verordnet haben. Auswirkung des Mythos auf die Frauen Durch die Sisyphusarbeit der Frauen an ihrem Körper, der sie sich täglich aufs Neue unterziehen, werden sie so hinreichend beschäftigt, dass wenig Zeit bleibt, sich politisch oder anderweitig zu organisieren bzw. eigene Ansprüche an die Gesellschaft zu formulieren. Entziehen kann sich dem Wahn fast keine Frau. Egal ob im Fernsehen, in Filmen, in Frauenzeitschriften oder auf Plakatwänden: Überall lächeln uns Frauen entgegen, die im Durchschnitt 23 Prozent weniger wiegen im Vergleich zu der restlichen weiblichen Bevölkerung. Vor 25 Jahren wogen sie „nur“ 8 Prozent weniger..1 Wen wundert es da schon noch, dass die meisten Frauen in Umfragen als Hauptwunsch angeben, 5 bis 8 Kilo abzunehmen, anstatt sich z.B. einen ausfüllenden Beruf zu erträumen In den USA sind schon 20 Prozent der Studentinnen an Magersucht erkrankt, in England leiden 50 Prozent aller Frauen an Essstörungen, in Deutschland glaubt über die Hälfte der jungen Frauen zu dick zu sein.2 Die Stiftung Warentest gab 1999 an, dass 2 Prozent aller Jugendlichen an Magersucht leiden. Magersucht ist eine Krankheit, die bei Frauen in Industrienationen zunimmt. Sie macht bei keinem Körpergewicht halt; ist das Idealgewicht erreicht, hungern die Frauen zwanghaft weiter, aus Angst, wieder zuzunehmen.. Wer hat ein Interesse am Schönheitsmythos? Auf der einen Seite sind die Folgen des Schlank- und Schönheitswahns Schuldgefühle, Angst vor sexuellem Kontakt, Depressionen, Krankheiten und Tod, auf der anderen Seite kann die Schönheitschirurgie, die Diätmittel- und Kosmetikindustrie Milliarden von DM aufgrund weiblicher Ängste und Komplexe profitieren. So sind heute 300 verschiedene Diätmittel auf dem Markt4. Das Diätprodukt Slimfast kostete beim Verkaufsstart z.B. 69 DM, in der Herstellung jedoch schlappe 4 DM5. Die Schönheitsindustrie versucht zwar immer mehr, auch an Männern mit Schönheitsprodukten ihr Geld zu verdienen. Dies ist jedoch nicht zu vergleichen mit der Auswirkung des Schönheitskults auf die Frauen. Auf einen magersüchtigen Mann kommen 12 magersüchtige Frauen. Nur ein Prozent der Bulimiekranken sind männlich6. Die Anzahl der Artikel über Gewichtsprobleme und Anzeigen für Diätprodukte ist in Frauenzeitschriften zehnmal so hoch wie in Männerzeitschriften7. Männer sollen zwar auch ihr Geld in diese Industrie pumpen. Es entspricht jedoch weniger ihrer Rolle in der Gesellschaft, ihr Selbstbild so stark von Schönheitsidealen beeinflussen zu lassen. Schönheit ist weder eine universelle, noch eine unveränderliche Größe. Der Schönheitsmythos hat nichts mit Weiblichkeit zu tun, sondern ist Ausdruck des patriarchalischem Verhältnisses in einer Klassengesellschaft wie dem Kapitalismus gepaart mit knallharten ökonomischen Interessen der Schönheitsindustrie. Durch groß angelegte Werbekampagnen werden Bedürfnisse erst geschaffen. Wer würde beispielsweise sonst auf die Idee kommen, dass das Gesicht Dutzende von Cremes gleichzeitig benötigt, oder dass es besonders toll ist, sich durch Liposuktion (Fettabsaugung) einen Großteil des Gewebes und der Nerven kaputt machen zu lassen. Wir sind dagegen, dass Frauen sich in jeder Beziehung dünn machen.
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sil - 10. Mai, 19:41
